AG KUNSTPRODUKTION UND KUNSTTHEORIE IM ZEICHEN GLOBALER MIGRATION des Ulmer Vereins

UNIVERSITÄT DUISBURG-ESSEN Institut für Kunst und Kunstwissenschaft 25.-27.6.2015

 

WORKSHOP
Transnationale Räume und Migration: Kunstwissenschaft und künstlerische Praxis

 

Auf welche Weise sind kunsttheoretische Ansätze und Methoden, künstlerische Konzepte

und Praktiken in Prozesse der Überschreitung, Öffnung oder Auflösung nationalstaatlicher Grenzen involviert? Inwiefern erzeugen bzw. befestigen sie transnationale Raumgebilde? Anlass und Ausgangspunkt für diese Fragestellungen, denen wir uns im Workshop der AG in Essen widmen wollen, liefern historische Konstellationen und aktuelle Dynamiken, in denen Migrationskulturen mit modernen nationalstaatlich geprägten Narrativen der Kunst kollidieren, diese überschreiten, oder auch neu konstituieren.

 

Zwar wurde der westlich geprägte Nationalstaat durch die kunstwissenschaftliche Forschung der 1970er–90er Jahre hinreichend dekonstruiert und muss überdies heute im Zeitalter globaler Migration und ihrer Transferprozesse als überholtes Gebilde erscheinen. Doch deutet sich insbesondere in aktuellen Debatten einer "transnational" ausgerichteten Geschichtswissenschaft an, dass auch die Darstellung historischer Prozesse jenseits nationaler Grenzverläufe die Konstruktion "Nation" (als territoriale Größe, aber auch als Ordnungskategorie mit Relevanz für Geschichts- wie Kunstwissenschaft) mit denken muss, um deren nachhaltige politische und kulturelle Wirkmacht fassen und beschreiben zu können.


Bis heute bestimmen nationale Kategorien implizit die Nomenklaturen der Kunstwissenschaft und damit auch deren Verständnis von Migration. Denn während die seit dem 19. Jahrhun-

dert etablierten säkularen, nationalstaatlichen Institutionen, Museen, Akademien und Universitäten das Feld der Kunst definierten und eingrenzten, etablierten sich zeitgleich in der Kunstwissenschaft ergänzende kulturanthroplogische und kunstgeographische Praktiken und Methoden, die Wanderungen von "Völkern", Artefakten, deren Ethnisierung und transitorische Verräumlichung in kulturellen bzw. zivilisatorischen Einheiten und Kulturhierarchien fassten. Beide Prozesse bedingen einander und brachten eine ästhetische Ideologie der Moderne hervor, deren universaler Geltungsanspruch heute in Frage steht.


Die Untersuchung transnationaler Raumgebilde ermöglicht es dahingegen, relationale Konzepte für die Kunstwissenschaft zu entwickeln, die nicht nur die nachhaltige Wirkmacht nationaler Konstrukte und Institutionen offenlegen, sondern auch einer "globalen" Konstruktion von Gegenwart verdankt sind. Von hier ausgehend lassen sich historische Prozesse in ihren (trans-)kulturellen Bezügen rückblickend beschreiben. Die nationalstaatlichen Narrative der Kunst erweisen sich dann – so u.a. am Beispiel der modernen Kolonialimperien – nicht allein als fiktionale Gebilde. Vielmehr wird nun erst deren Verhandlung durch (nicht-staatliche, nicht institutionalisierte) Akteure, Theoretiker und Künstler sichtbar, deren territoriale Bindung und kulturelle Verortung quer zu den gewaltsamen Grenzziehungen des Nationalen stand und steht und die sich zum Teil erst durch Migration und Dekolonisation politisch und kulturell emanzipierten. Aus diesem Blickwinkel lässt sich dann auch verfolgen, inwieweit postkoloniale staatliche Kollektive erneut ethnisierte Kulturvorgaben aufgriffen oder unterliefen, im Zuge von Re-Nationalisierung und Re-Traditionalisierung veränderten, um daraus neue nationale Geschichten der Kunst und ihrer Institutionen werden zu lassen.


Im Essener Workshop sollen jene Verhandlungen von Ethnisierung und nationaler Grenzziehung in der Kunstwissenschaft – am Beispiel transnationaler Raumkonstrukte (u.a. Black Atlantic, Mittelmeer, Naher Osten, Osmanisches Reich, etc.) – zur Sprache kommen.

So wäre die Rolle (trans-) nationaler Akteure, Medienbegriffe und deren Historisierung zu diskutieren: Wo lieferte Ethnisierung die Voraussetzung für neue (nationale) Kunstgeographien? In welchen künstlerischen Praktiken/ Archivierungsmodellen oder Medien wurden sie verzeitlicht/ historisiert? Wo kam/ kommt es zu Auseinandersetzungen um kunsttheore-tische bzw. religiöse Verortungen von Artefakten und ihre mediale Aufwertung/ Übersetzung in nationalen Kunstsystemen? Welchen Einfluss hat globale Migration auf gegenwärtige Ansätze zu einer Engführung transkultureller und kunstwissenschaftlicher Begriffe und Konzepte, die jenseits von Ethnisierung und Nationalstaatlichkeit zu fassen sind?